PTAheute-Kongress

Samstag, 16.03.2019
17:10 - 18:00 Uhr

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Festvortrag: Mythen der Gesundheitspolitik

Das Gesundheitswesen ist ein aus guten Gründen über Politik und Recht gesteuerter Wirtschaftszweig mit großem Wachstumspotenzial.

Hartmut Reiners

Ökonom und Publizist, Ministerialrat a. D.;
bis Ende 2009 Leiter des Referats Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie des Landes Brandenburg, zuvor in gleicher Funktion im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen;
Mitarbeit an allen Gesundheitsreformgesetzen zwischen 1988 und 2009;
seit 2010 freier Publizist, Kolumnist der „Frankfurter Rundschau“ und Autor des Internetportals „Makroskop“;
Autor mehrerer Bücher zur Gesundheitspolitik („Mythen der Gesundheitspolitik“, „Gesundheitsreformen in Deutschland“, „Privat oder ­Kasse? Politische Ökonomie des Gesundheits­wesens“) und zahlreicher Beiträge für gesundheits- und sozialpolitische Fachzeitschriften;
seit 2011 neutrales Mitglied des erweiterten Bewertungsausschusses der Ärzte und Krankenkassen

 

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Bei den Gesetzen und Richtlinien, die diese Branchen steuern, geht es um die Verteilung von 11,3% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und über fünf Millionen Arbeitsplätze. Alle Akteure in dieser sehr besonderen Branche versuchen, die damit verbundenen politischen Entscheidungen zu beeinflussen und einen möglichst großen Teil von dem zu verteilenden Kuchen zu bekommen. Außerdem überlagern ideologische und parteipolitische Kontroversen die Gesundheitspolitik. Kaum jemand gibt zu, seine eigenen Interessen zu vertreten. Jede Gruppe tut so, als vertrete sie das Gemeinwohl. So werden Mythen produziert oder gepflegt. Dabei handelt es sich nicht um Lügen, sondern um scheinbar faktengestützte Halbwahrheiten, die an allgemeinen Vorurteilen anknüpfen. Dazu gehören vor allem drei Behauptungen.

Seit 45 Jahren wird von einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen geredet, für die es aber seit 40 Jahren keine belastbaren Anhaltspunkte gibt. Seit Ende der 1970er-Jahre haben die Gesundheitsausgaben eine relativ moderate Entwicklung. Ihr Wachstum liegt zwar über dem des BIP, aber das ist ein normaler Vorgang. Dienstleistungen haben gegenüber der Industrieproduktion ein geringeres Rationalisierungspotenzial. Das Gesundheitswesen ist eine Jobmaschine, die die in der Industrie entfallenden Arbeitsplätze auffängt. Die steigenden Beitragssätze der Krankenkassen sind zudem auch Folge der seit 20 Jahren unter dem Produktivitätszuwachs liegenden Lohnsteigerungen.

Die Alterung der Bevölkerung wird zu einem demografischen Desaster verzerrt. Der Anteil der über 65-Jährigen wird in den kommenden 20 Jahren stark zunehmen, was Auswirkungen auf die Gesundheitsausgaben hat. Aber zugleich wächst der Anteil der „gesunden Alten“, die ein hohes Alter in gutem Gesundheitszustand erreichen. Die Probleme liegen weniger in der Kranken- als in der Pflegeversicherung. Die Behauptung, das Umlagesystem der Sozialversicherung sei davon überfordert und belaste die nachwachsende Generation mehr als die Kapitaldeckung, ist falsch. Beide Systeme basieren auf Ansprüchen, die von den Jungen später erwirtschaftet werden müssen. Dafür wird deren Ausbildung von der jetzt aktiven Generation finanziert. Die Aufrechnung der damit verbundenen Kosten in „Generationenverträgen“ ist gesellschaftspolitischer Unsinn.

Im Gesundheitswesen herrscht Marktversagen. Die Forderung nach mehr Wettbewerb stößt hier an ökonomische und ethische Grenzen. Der Kassenwettbewerb hat zu besserem Service für die Versicherten geführt, aber er versagt bei der Beseitigung von regionalen Ungleichheiten in den Versorgungsstrukturen. Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung für die gesamte Bevölkerung ist eine politische Aufgabe, die man nicht dem Markt überlassen kann.

Apotheken: Von der Politik vergessen?

Die Entwicklung des Apothekenhonorars für verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel von 2004 bis 2016

Die Entwicklung des Apothekenhonorars wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Während zahlreiche Apotheken die schleppende Entwicklung und die daraus resultierende wirtschaftliche Belastung ihrer Apotheken beklagen, vertreten vor allem die gesetzlichen Krankenkassen die Auffassung, das Honorar müsse keine weitere Anpassung erfahren oder sei sogar zu hoch angesetzt.

Diese Studie beleuchtet das komplexe Thema aus allen Perspektiven und ermittelt detailliert, warum das Apothekenhonorar im Vergleich deutlich hinter der Entwicklung in anderen Bereichen zurückbleibt. Sie stellt zudem anschaulich dar, dass eine Anpassung dringend erforderlich ist, um die umfangreichen Leistungen für das Gemeinwohl – vor allem auch vor dem Hintergrund steigender Bürokratie – angemessen zu vergüten.

Von Uwe Hüsgen
XIV, 74 S., 12,5 × 18,5 cm,
Kartoniert, 14,80 Euro [D]
ISBN 978-3-7692-7103-4
Deutscher Apotheker Verlag 2017

Mythen der Gesundheitspolitik

Mythen der Gesundheitspolitik

Der Fakten-Check für Mythen im Gesundheitswesen

Mit suggestiven Bildern wie der „Kostenexplosion“ soll den Bürgern vermittelt werden, dass sie für ihre Gesundheit immer mehr bezahlen müssen, weil die Zahl älterer und damit pflegebedürftiger Menschen steige, der medizinische Fortschritt seinen Preis habe und ihre eigenen Ansprüche als Lohnnebenkosten die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gefährdeten. Dem stehe eine unfähige Politik gegenüber, die sich hilflos von Reform zu Reform hangle. Hinter diesen Parolen verbergen sich handfeste wirtschaftliche und politische Interessen.
Es sind aber keine offenen Lügen, sondern Mythen, die Fakten selektieren und so aufarbeiten, dass sie allgemeinen Erfahrungen zu entsprechen scheinen. Dieses Buch klärt auf über die am häufigsten anzutreffenden Mythen über unser Gesundheitswesen: Ruinöse Lohnnebenkosten – die verhängnisvolle demografische Entwicklung – der teure medizinische Fortschritt – die Vollkasko-Mentalität der Versicherten – das Versagen der solidarischen Finanzierung – der Ärztemangel – die aufgeblähte Krankenkassenbürokratie – das Heil im Wettbewerb und schließlich die Notwendigkeit einer endgültigen großen Gesundheitsreform etc.

Das Buch setzt sich kenntnisreich und streitbar mit diesen Mythen auseinander und liefert Argumente für eine rationale Auseinandersetzung mit den realen Problemen. Neu in der 3. Auflage: weitere Mythen wie „Zwei-Klassen-Medizin“, „Systemwettbewerb GKV-PKV“ und „Ökonomisierung der Medizin“.

3., vollständig überarbeitete Auflage, 312 Seiten, 29,95 Euro [D],
ISBN 9783456859071
Hogrefe Verlag 2018

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