Wissenschaftlicher Kongress

Freitag, 15.03.2019
17:10 - 18:00 Uhr

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Festvortrag

Gefühl schlägt Evidenz: Fallstricke beim Umgang mit Risiko in der Medizin

In dieser Welt ist nichts gewiss, außer dem Tod und den Steuern“, schrieb der US-Staatsmann Benjamin Franklin bereits 1789, am Vorabend der französischen Revolution. Das gilt – mit Sicherheit – auch heute noch.

Prof. Dr. Wolfgang Gaissmaier

leitender Wissenschaftler des Harding Zentrums für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-­Institut für Bildungsforschung;
seit 2014 Professor für Sozialpsychologie und ­Entscheidungsforschung an der Universität ­Konstanz;
leitender Wissenschaftler des Harding Zentrums für Risikokompetenz am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung;
Schwerpunkt: Erforschung des menschlichen Entscheidens und des Umgangs mit Risiko 

Kontakt

Alles andere im Leben bleibt jedoch ungewiss. Dennoch gehen Menschen nach wie vor nicht gerne mit Ungewissheit um. Viele streben ängstlich nach Gewissheiten, die es nicht gibt. Diese Sehnsucht nach Gewissheit ist Teil unseres emotionalen und kulturellen Erbes: Menschen suchen Trost in Religion, Astrologie und Weissagung, die einem Gewissheiten anbieten, die es eigentlich nicht gibt. 

Heute haben viele Menschen das Gefühl, in den unsichersten Zeiten überhaupt zu leben. Das Gegenteil ist richtig, gerade in Europa – trotz der Finanz- und anderer gegenwärtiger Krisen. Während die Generation meiner Großeltern noch einen Weltkrieg miterlebt hat – Hunger, Flucht, Gewalt –, ist unsere körperliche Unversehrtheit heute so sicher wie noch nie zuvor. Gleichzeitig scheint immer weniger akzeptiert zu werden, dass die Welt trotz zunehmender Sicherheit immer eine riskante, ungewisse bleiben wird. So werden Kinder heute durchgeplant, von der Zeugung bis zu einem vollen Kurs­programm ab der Geburt. Und wehe, ihr Kind sitzt einmal ohne Helm auf dem Fahrrad. Da war meine Kindheit riskanter und ungeplanter, und die meiner Eltern erst recht. 

Das könnte an dem Eindruck liegen, heute alles kontrollieren und berechnen zu können, und das daher auch tun zu müssen. Doch der Eindruck der Berechenbarkeit ist natürlich eine Illusion. Umso mehr lassen wir uns dann verunsichern, wenn sich etwas einmal als unberechenbar erweist. Diese Unsicherheit im Umgang mit der Unsicherheit ist in der heutigen technologischen Gesellschaft zu einem Problem geworden. Wir brauchen daher eine Gesellschaft, in der Bürgerinnen und Bürger informiert mit Risiken umgehen und leben. 

Gerade in der Medizin erfordern informierte Entscheidungen, dass sowohl die Ärzteschaft als auch Patientinnen und Patienten Nutzen und Schaden medizinischer Eingriffe richtig einschätzen können. Doch ein informierter Umgang mit Risiko bleibt für viele eine Herausforderung. Anhand von Beispielen aus dem Bereich Gesundheit wird in dem Vortrag illustriert, 

  • dass ein mangelhafter Umgang mit Risiko und Wahrscheinlichkeiten ein kollektives Problem ist und keinesfalls nur Laien betrifft,
  • dass ein Mangel an Evidenzkultur in der Gesellschaft dazu beiträgt,
  • wie eine grundlegende Fehlwahrnehmung von Zufälligkeit vielerlei medizinischen und anderen Aberglauben befördert und 
  • wie soziale Prozesse die Risikowahrnehmung formen und verstärken können. 

Aber es gibt Hoffnung: Zum Abschluss wird dargelegt, wie sich diese Hindernisse durch das Unterrichten von statistischem Denken und durch transparente Risikokommunikation überwinden lassen, um ein Klima der Teilhabe, Aufklärung und Selbstbestimmung zu schaffen.

Das Risiko der Sicherheit

Asbest, Arzneimittel und Bakterien, Sex, Autofahren und Rauchen – 
Risiken sind Bestandteil unseres Lebens. Sie werden oft über- oder unterschätzt und selten richtig bewertet.
Der Mediziner und Risikoexperte Klaus Heilmann hinterfragt gängige Fehleinschätzungen, indem er Risiken nüchtern analysiert und verständlich einordnet. Dabei zeigt sich: Absolute Sicherheit gibt es nicht und kann es nicht geben, aber viele Risiken können wir in den Griff bekommen, wenn wir nur vernünftig mit ihnen umgehen.

Von Klaus Heilmann 
2002, 167 S., 20 Grafiken, 
15,3 × 23,0 cm, Kartoniert, 
19,80 Euro [D]
ISBN 978-3-7776-1148-8
S. Hirzel Verlag 

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