Wissenschaftlicher Kongress

Freitag, 15.03.2019
09:10 - 09:45 Uhr

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Beers, Priscus, Forta – Wie die Arzneimitteltherapie im Alter optimiert werden kann

„When I’m 64 …“ – Polymedikation im Alter (POP – Patienten-orientierte Pharmazie)

Altern ist ein sehr individueller Prozess und die Gruppe der älteren Patienten dadurch sehr heterogen. Entsprechend unterschiedlich muss auch die Pharmakotherapie an die aktuellen Bedürfnisse des einzelnen Patienten angepasst werden.

Dr. Beate Mussawy

Pharmaziestudium an den Universitäten in Marburg und Kuopio (Finnland);
2014 Promotion zum Dr. rer. nat im Gebiet ­Klinische Pharmazie zum Thema „Potenziell ­inadäquate Medikation für Ältere“ an der Universität Hamburg;
Fachapothekerin für Klinische Pharmazie, ­Geriatrische Pharmazie;
seit 2011 Apothekerin in der Klinikapotheke des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf im Bereich Arzneimittelversorgung

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Infolge von unerwünschten Arzneimittelereignissen kann es besonders bei älteren Patienten zu Krankenhauseinweisungen kommen, die oft vermeidbar wären (Abb.1).

Eine an Leitlinien orientierte Therapie ist eigentlich wünschenswert, doch ist sie auch bei älteren Patienten immer empfehlenswert? Ältere Patienten sind zwar bedingt durch Multimorbidität die Hauptanwendergruppe von Arzneimitteln und noch dazu eine durch den demografischen Wandel sowohl in Deutschland als auch weltweit stetig wachsende Personengruppe, jedoch werden sie aus Studien immer noch häufig ausgeschlossen und es existieren nur wenige Leitlinien speziell für Ältere. Sinnvoll ist, bei älteren Patienten auf potenziell inadäquate Medikation (PIM) zu achten. Als potenziell inadäquate Medikation für Ältere gelten Arzneimittel, bei deren Anwendung ein hohes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) besteht und für die es gleichzeitig eine sicherere Alternative gibt. Auch Arzneimittel mit einem (altersabhängigen) schlechten Nutzen-Risiko-Verhältnis, unsicheren therapeutischen Effekten bzw. einem Überwiegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen gegenüber dem klinischen Benefit gelten als potenziell inadäquat. Außerdem können Arzneimittel bei bestimmten Erkrankungen sowie in bestimmten Dosierungen im Alter potenziell inadäquat sein.

1991 erstellte der amerikanische Geriater Mark Beers die viel zitierte Beers-Liste, eine Negativliste, mithilfe derer Arzneimittel identifiziert werden können, welche im Alter nicht angewendet werden sollten. In den folgenden Jahren wurden auch in weiteren Ländern Bemühungen unternommen, innerhalb der dort verfügbaren Arzneistoffe potenziell inadäquate zu identifizieren.

Die internationalen Medikationsempfehlungen für multimorbide, ältere Patienten sind, bedingt durch unterschiedliche Marktgegebenheiten und Verordnungspraktiken, nur begrenzt auf Deutschland übertragbar. Mit den START-STOPP-Kriterien, der FORTA-­Einteilung (FORTA = Fit fOR The Aged) und der Priscus-Liste stehen jedoch auch für den deutschen sowie allgemein für den europäischen Raum Kriterienkataloge zum Bewerten von potenziell inadäquater Medikation zur Verfügung. Die Kriterienkataloge haben verschiedene Entstehungsgeschichten und Schwerpunkte. Einige identifizieren problematische Arzneistoffe, andere beschreiben bestimmte Verordnungsszenarien bzw. Anwendungssituationen und wieder andere bewerten nach Kategorien von problematisch bis unverzichtbar. Negativlisten wie die Priscus-Liste sind durch die explizite diagnoseunabhängige Auflistung von Arzneistoffen leicht anzuwenden. Ihr besonderer Vorzug ist ihre gute Praktikabilität und sie eignen sich beispielsweise auch für eine schnelle Überprüfung der Medikation in der Apotheke. Gleichzeitig bedürfen sie durch diese explizite Auflistung einer ständigen Aktualisierung und bergen das Risiko der Annahme, nicht aufgelistete Arzneistoffe wären in jedem Fall geeignet. Durch Forta-Einteilung wird eine krankheitsbezogene Bewertung möglich und es können Über- und Untertherapie aufgedeckt werden. Jedoch ist die Anwendung komplexer und es werden weitere Informationen wie beispielsweise die Diagnosen des Patienten benötigt. In der Apotheke könnte die Forta-Liste bei einer ausführlichen Medikationsanalyse angewendet werden.

Informationen

Abb. 1: Viele Faktoren führen zu einer Polypharmazie In der alternden Gesellschaft nehmen immer mehr Menschen mindestens fünf Arzneimittel täglich ein, die Zahl potenzieller Wechselwirkungen steigt im Verhältnis zur Anzahl angewendeter Arzneimittel rapide, ­viele unerwünschte Arzneimittelwirkungen lassen sich nur schwer von den Symptomen bestehender oder neuer Krankheiten unterscheiden, was eine Kaskade weiterer Verschreibungen nach sich ziehen kann.

Arzneimittel im Alter

Strategien für eine optimale Pharmakotherapie

Start low, go slow ... but go!

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“ - das wusste schon die Hollywood-
Berühmtheit Mae West. Jenseits der 70 lassen körperliche und geistige Kräfte nach. Alterstypische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Demenz führen häufig zu Polymedikation– alles eine enorme Herausforderung für die Senioren selbst, aber auch für Arzt und Apotheker.
Die Autorin ist Krankenhausapothekerin und hat sich intensiv mit der Pharmakotherapie älterer Menschen beschäftigt. Ihr Instrumentarium für eine optimale Patientenbetreuung:

  • Grundlagen: Veränderungen im Alter und typische Erkrankungen
  • Strategien: Leitlinien, Listen potenziell inadäquater Medikation und
    Methoden für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit
  • Hilfsmittel: Medikationsplan, Stellen, Verblistern und Sondengabe
  • praktische Tipps: Impfungen, Reisen mit Arzneimitteln und
    Geronto­prophylaxe

Machen Sie Ihren älteren Patienten das Leben ein wenig leichter – und sie werden es Ihnen danken!

Von Beate Mussawy
XII, 164 S., 37 farb. Abb., 29 farb. Tab., 17,0 × 24,0 cm,
Kartoniert, 24,80 Euro [D]
ISBN 978-3-8047-3614-6
Wissenschaftliche Verlags­gesellschaft Stuttgart 2018

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